Mittwoch, 14. November 2018

Incommunicado



Liebe Leserinnen, Leser und Leserx

Ich bin's wieder, euer Armin. Da sich dieser Blog vor allem dem Gebiet "Funk und Kommunikation" widmet, und ich bisher den Eindruck hatte, dass dieser Aspekt im Trubel der Ereignisse etwas zu kurz gekommen ist, möchte ich Ihnen heute eine kleine Anekdote erzählen:

Wohl nur wenige von Ihnen dürften mit der Tatsache vertraut sein, dass in Funkerkreisen immer noch telegrafiert wird. Das heißt, es wird mit Punkt und Strichen kommuniziert. Ein Verfahren aus den Anfangszeiten der elektrischen Kommunikation, als man noch keine Sprache übertragen konnte und als die Reichweite von Buschtrommeln und Signaltürmen als ungenügend erachtet wurde.
Bis gegen Ende des letzten Jahrhunderts wurde die Morsetelegrafie noch im Militär und in der Schifffahrt verwendet. Jetzt hört man praktisch nur noch die Hobbyfunker morsen.
Es sind aber nicht nur die rückwärts gewandten Fundamentalisten unter den Funkern, die dieser archaischen Kommunikationsart frönen, auch Newcomer fühlen sich zuweilen davon angezogen. Wie früher bei den Türmen und den Trommeln unterliegt sie strengen Regeln. Ein Feuer zu Unzeiten oder ein Schlag neben die Trommel kann katastrophale Auswirkungen haben. Auch für die Morsetelegrafie gilt: wehe, einer hält sich nicht an die traditionellen Abläufe.

Das ist einem meiner Bekannten passiert. Als er einen Funkfreund aus nördlichen Landen im Aether rufen hörte, meldete er sich entgegen dem Protokoll:
"Nicht los, heute?" fragte er und hängte an dieses Frage gewissenhaft sein Rufzeichen an. Es handelte sich also keineswegs um einen anonymen Zwischenruf nach Strich und Punkt. 

Bass erstaunt war er, als sein Funkfreund nicht auf seinen Anruf einging, sondern frisch fröhlich weiter rief als wäre da nichts gewesen, als hätte er ihn nicht gehört. Dieses Spiel wiederholte sich noch ein paar Mal.
Das kann natürlich immer wieder passieren. Mal läuft verschüttetes Tastenöl in den Empfänger, mal hat man den Kopfhörer verkehrt aufgesetzt oder die Katze spielt mit dem Abstimmknopf.
Was war in diesem Fall geschehen?
Nichts von alledem. Mit Befremden musste mein Bekannter in der Folge hören, wie sein Funkfreund zwar mit anderen Stationen verkehrte, ihn jedoch ignorierte.

Es handelte sich dabei also um einen klassischen Fall von Nicht-Kommunikation, wie er immer wieder zwischen Menschen vorkommt, vorzugsweise zwischen Mann und Frau. Die Nachricht in einer Nicht-Kommunikation zu entschlüsseln ist nicht einfach, und ich denke, er rätselt immer noch daran herum.
Mir jedoch war dieser einfache Fall von Nicht-hören-wollen sofort klar, als mein Bekannter in einem Nebensatz die Bemerkung fallen ließ, sein Funkfreund wäre Zeit seines Lebens Lehrer gewesen.

Déformation Professionelle sagt man in Anstaltskreisen dazu.
Die Weisskittel hier im Haus haben Pillen dagegen. Ich empfehle jedoch eine angemessene Dosis Tastenöl

Zum Schluss habe ich noch eine gute Nachricht und eine schlechte für die Bastler und Grübler unter euch. Zuerst die schlechte:
Der bekannte und geschätzte Helmut Singer Flugversand, der Occasionsgeräte aus der Industrie vertrieb, wurde liquidiert. Diese Quelle ist also versiegt.

Weltweit gibt es ein paar große Distributoren von elektronischen Komponenten wie Mouser, Digikey Reichelt, Conrad, Distrelec etc. bei denen man fast jedes Bauteil bekommen kann.

Ich habe mich aber immer gefragt, wo denn die Chinesen ihr Zeug bestellen. Und siehe da: Hier findet man den größten Distributor von elektronischen Komponenten in China. Er liefert nicht nur die Komponenten, die bei Digikey und Konsorten zu finden sind, sondern auch Bauteile von im Westen unbekannten Marken aus dem Land des Lächelns. Ein Stöbern lohnt sich und ist zugleich ein Augenöffner. Die Preise dieser exotischen Komponenten sind für unsere Verhältnisse extrem niedrig. Zum Beispiel 3 Cent für eine integrierte Schaltung. Das erklärt auch, wieso die Produkte aus China so günstig sind: nicht nur die Arbeitskosten sind sehr niedrig, sondern auch die Materialkosten der Produkte.

Liebe Leserinnen, Leser und Leserx. Das war etwas viel Technik für heute. Nächstes Mal werde ich Ihnen über einige beunruhigende Vorgänge hier in der Anstalt berichten, und natürlich über die Genesungsfortschritte des Namenlosen.

Euer Armin.


Dienstag, 13. November 2018

Das Telefon



Liebe Leserinnen, Leser und Leserx

Ich habe gute Neuigkeiten. Gestern habe ich am Telefon mit dem Namenlosen gesprochen. Doch zuerst ein Anliegen in eigener Sache. Ich hoffe, dass Sie mir nicht böse sind, wenn ich den Blogtext nicht vollständig gendergerecht gestalte, sondern es bei der Anrede Leserx für alle übrigen vorkommenden Geschlechter belasse. Aber nun zum Gespräch mit dem Namenlosen. Als ich ihn fragte, wie es ihm gehe, sagte er:

"Danke, lieber 17167680177565, mir geht es den Umständen entsprechend gut. Mein Psychiater war bei mir und hat 1597 gesagt, ich hätte einen 14930352 schweren Schock abgekriegt. Die Gründe dafür seien ihm nicht klar. Vielleicht sei es ein Trauma aus meiner Schulzeit, das durchgeschlagen habe 12586269025."

"Du sprichst immer noch kurios. Kannst du die Zahlen in deinen Sätzen nicht weglassen?"

"Das geht leider nicht, 8944394323791464. Der Psychikater meint, nach dem Schock sei ein Tourette Syndrom zurückgeblieben. Der weitere Verlauf meiner Krankheit 233 sei unsicher. Ich liefe auf des Messers Schneide."

"Vielleicht läufst du auf der Schneide von Ockhams Rasiermesser. Aber was wollte er damit sagen?"

"Dass ich jederzeit auf die eine oder andere, 13, Seite kippen könne. Ein Rückfall in die Zahlenkrankheit sei ebenso wahrscheinlich, 75025, wie eine vollständige Genesung oder eine Verschärfung des Tourette-Syndroms."

"Das ist nicht so schlimm, Tourette ist in Funkerkreisen häufig. Wobei Zahlen weit verbreitet sind. Manche touretten einfach "die besten Zahlen", andere verdrehen Sätze und sagen zum Beipiel: "einen schönen Sonntag g'wünscht" anstatt "ich wünsche euch einen schönen Sonntag." Über das H.I. am Ende des Satzes haben wir ja schon mal gesprochen. Es gibt auch solche die sagen "Breik" am Ende ihrer Sendung. Vermutlich handelt es sich dabei um Tennisspieler...."

"...Du machst mir Angst. Meinst du, 51680708854858323072, das hat etwas mit der Strahlung zu tun?"

"Schwer zu sagen, vielleicht etwas mit der Sozialisierung dieser Funker oder mit deren Veranlagung. Bei vielen handelt es sich ja um seltsame Eigenbrötler. Das hast du sicher auch in Zofingen beobachtet. Aber sag mal: Wann kannst du deinen Blog wieder übernehmen?"

"Ich wäre froh, wenn du noch weiter bloggen könntest, Armin. 44945570212853. Zuerst muss ich das Tourette loswerden."

"Mhm...mir gehen langsam die Themen aus."

"Ach wo. Schreib doch etwas über Antennen, das interessiert die meisten 377. Oder noch besser: über das Funken ohne Antenne, wenn das überhaupt möglich ist. 6557470319842. Wie geht es übrigens in der Anstalt. Gibt es Neuigkeiten?"

"Nicht viel. Das Leben hier ist so normal wie immer. Heute Morgen war aber die Polizei hier. Wie ich gehört habe, gab es den Verdacht, dass Putin im Serverraum nach Kryptowährungen schürft."

"Und, haben sie was gefunden?"

"Nein, bloß jede Menge alter Teebeutel."

Liebe Leserinnen, Leser und Leserx. So wie es scheint, werden Sie also noch einige Zeit mit mir Vorlieb nehmen müssen. Euer Armin.

P.S. Und sollten Sie mobil unterwegs sein, so wünsche ich Ihnen eine saubere Stoßstange und alle vier Räder auf dem Boden, hi.

Montag, 12. November 2018

Das Fibonacci-Kind



Liebe Leserinnen, Leser und Leserx

Ich bins wieder, euer Armin. Vom Namenlosen selbst, dem Verantwortlichen für diesen Blog, habe ich bisher nichts gehört. Aber ich habe mit Sämu und Bienchen am Telefon gesprochen.

Sämu sagte, er habe gehört, dass jemand mit Zahlenkrankheit in den Notfall eingeliefert worden sei. Ein leider nicht so seltener Fall. Diesen Sommer hätten sie einen Contester im Spital behandelt. Allerdings ein eher einfacher Fall. Der Mann habe immer nur "Fünfneun" gemurmelt.
Contester sind nicht etwa Protester oder Anhänger einer bestimmten Religion, sondern Funker, die sich an Funkwettbewerben beteiligen. Bei diesen Veranstaltungen, die praktisch jedes Wochenende stattfinden, geht es darum, möglichst vielen anderen Funkern "Fünfneun" zuzurufen.

Im Gegensatz zu Sämu meinte Bienchen, es könnte sich beim Zusammenbruch des Namenlosen um einen sogenannten Backlash gehandelt haben - nicht zu verwechseln mit dem Backflash oder dem Backfish. Ein fortschreitendes Zurückfallen in einen Traum. Wie wir ja alle wissen, ist der Namenlose ein starker Träumer - schlimmer noch: ein zeitreisender Träumer. Bei derartig veranlagten Menschen kann es vorkommen, dass sie nicht mehr in der Lage sind, ihren Träumen zu entfliehen. Sie sitzen fest. Vielleicht sitze der Namenlose immer noch auf einer Tanne im Vallée de Trient und binde dort Marconis Antennen an, meinte Bienchen. Die Zahlen seien wohl eine verschlüsselte Botschaft - vielleicht eine Frequenzangabe - aber in jedem Fall ein codierter Hilferuf.

Charlie oder das Fibonacci-Kind habe ich seit vorgestern nicht mehr getroffen. Das liegt auch daran, dass neuerdings einer mit Schlapphut vor meiner Zimmertür steht und ich es nicht mehr wage, ohne Begleitung durch einen Weißkittel hinauszugehen.
Hoffentlich schaut mal Charlie bei mir rein. Beim Fibonacci-Kind ist das eher unwahrscheinlich. Es ist sehr speziell und man sieht es nie in den unteren Etagen. Es wird gemunkelt, dass es ein Kind von Putin, unserem Abwart, sei und in der Nacht gebrauchte Teebeutel für ihn sammle. Er würde sie im Serverraum im Keller für den Wiedergebrauch trocknen.
Im Sinne des Klimaschutzes zwar erfreulich, aber vermutlich bloss ein Gerücht. Was ich jedoch bestätigen kann ist, dass das Kind auf dem Dach nachtwandelt. Ich habe es nämlich selbst gesehen, wie es im Pi-jama über den Dachfirst lief und dabei zu den Sternen schaute. Es sei sehr an Satelliten interessiert, sagt man.

Apropos Satelliten: Gerade hatte ich eine Verbindung mit einem Funkkollegen. Der hat mir gesagt, er habe jetzt endlich eine Bewilligung für den Satellitenfunk vom BAKOM bekommen. Der Bereich 2400 - 2410 MHz ist ja hierzulande nicht generell für den Amateurfunk freigegeben. Dies im Gegensatz zu den umliegenden Ländern. Und wenn man über den neuen Satelliten funken will, den die Funker aus Qatar nächstens in eine geostationären Umlauf schiessen werden, braucht man diese Frequenzen. Das ist eine erfreuliche Nachricht. Weniger erfreulich ist die zweite Nachricht, die mir der Kollege mitgeteilt hat: günstige und leichte Morsetasten würden rar - die Firma Palm stelle ihren Betrieb ein. Wer also noch keine Schnapsnase hat, muss sich mit Tastenöl begnügen.

Liebe Leserinnen, Leser und Leserx, ich hoffe, es geht euch allen gut, auch wenn ihr dort draußen irgendwo im Nirgendwo wohnt und nicht wie ich in der Sicherheit einer Anstalt.

Euer Armin       

Sonntag, 11. November 2018

Ausfall des Namenlosen



Guten Morgen liebe Leserinnen, Leser und Leserx
mein Name ist Armin und ich blogge heute anstelle meines Freundes, der üblicherweise hier schreibt. Ich habe seinen Blog vorübergehend übernommen, weil er seit gestern bedauerlicherweise ausgefallen ist.
Mich kennen Sie ja bereits, obwohl mein Freund nicht immer alles korrekt wiedergegeben und mich oft in ein schiefes Licht gerückt hat. Dass ich ihn hier vertreten kann, ist also auch eine Gelegenheit, die Ereignisse in und um die Anstalt etwas zu korrigieren.
Sie sollten aber nicht etwa denken, dass ich den Blog in eigener Regie und ohne Auftrag übernommen habe. Dem ist keineswegs so. Doch zurück zu den Ereignissen von gestern, bzw. vorgestern.

Wie so oft in den letzten Tagen erhielt ich Besuch von meinem Freund, dessen Namen ich nicht nennen darf. Das liegt natürlich nicht an irgendeinem Datenschutzgesetz, wie er behauptet, sondern ist schlicht dem Umstand geschuldet, dass er inkognito bleiben möchte. Nennen wir ihn der Einfachheit halber: den Namenlosen.

Diesen Namenlosen habe ich gestern im Korridor eine Etage höher in einem deplorablen Zustand aufgefunden, nachdem er sich von mir verabschiedet hatte. Charlie, die Anstalt-Nomadin, hatte mich etwa eine Stunde, nachdem er gegangen war, alarmiert. Sie ist immer irgendwo unterwegs, vermutlich auf der Suche nach sich selbst. Im Gegenzug wird sie dauernd von der Anstaltsleitung gesucht.

Als ich beim Namenlosen ankam, hockte er in einer Ecke auf dem Boden, stierte vor sich hin und murmelte endlose Zahlenreihen. Eine Kostprobe davon habe ich bereits in den Blog gestellt.
Er war kaum ansprechbar, das heisst, er antwortete auf jede Frage mit einer Zahl, die jedes mal grösser wurde. In der Folge habe ich dann die Weisskittel alarmiert und der Namenlose wurde anschließend von Sanitätern abgeholt. Wo er sich jetzt befindet und wie es ihm geht, entzieht sich meiner Kenntnis, da ich die Anstalt nicht verlassen kann. Ein bedauerlicher Umstand, aber ich werde Tag und Nacht von Funkern und anderen dubiosen Gestalten draussen im Park observiert, die meiner habhaftig werden wollen. Sie werfen mir unter anderem vor, dazwischen zu funken.

Mit Charlie zusammen habe ich letzte Nacht versucht, die Ereignisse zu rekonstruieren, die zum Zusammenbruch des Namenlosen geführt haben könnten.

Aufgrund einer Analyse der Zahlen, die der Namenlose von sich gab, und die ich mir gewissenhaft notiert habe, gehen wir davon aus, dass er dem Fibonacci-Kind begegnet sein muss. Er war ja schon vorher etwas verwirrt, wie Charlie und ich festgestellt hatten. Das Kind wird ihn wohl endgültig über den geistigen Jordan geschickt haben. Wir konnten es auftreiben und haben es befragt. Es hat uns berichtet, der Namenlose sei ihm begegnet und sie hätten eine Weile über die NATO diskutiert.

Das kann aber nicht stimmen, wie ich den Namenlosen kenne. Vermutlich haben sie über das NATO-Buchstabieralphabet gesprochen. Eine Sache, die den Namenlosen seit Wochen beschäftigt. Genau genommen, seit dem Augenblick, als er mit dem Präsident Jackson zum ersten Mal in den Aether lauschte.
Er gab verschiedentlich seiner Verwirrung Ausdruck, dass die Funker alle möglichen Namen benutzen würden, wenn sie etwas buchstabieren müssten: zum Beispiel "Zeh, Kuh" oder "Eks, Wei, Äl". Einer nenne sich zum Beispiel immer Wurzelquadrat und ein anderer Tal-Uri.
Natürlich habe ich ihn darauf aufmerksam gemacht, dass zwar das NATO-Alphabet international Standard sei, aber noch viele andere Buchstabieralphabete existieren würden, wie zum Beispiel das deutsche Telefonalphabet, das jede aufgeweckte Hausfrau beherrscht. Das Wort Mängel, zum Beispiel wird damit so buchstabiert: Martha, Ärger, Nordpol, Emil, Ludwig.
Das gilt übrigens auch für die Schweiz, und ich denke, dass die Telefongesellschaften streng darauf achten, dass richtig buchstabiert wird. Das hilft Fake-News und Ärger zu vermeiden.

Verehrte Leserinnen, Leser und Leserx, ich werde Sie über diese bedauerliche Angelegenheit weiter auf dem Laufenden halten.

Euer Armin 

Samstag, 10. November 2018

Semantischer Infarkt

13 
21 
34 
55 
89 
144 
233 
377 
610 
987 
1597 
2584 
4181 
6765 
10946 
17711 
28657 
46368 
75025 
121393 
196418 
317811 
514229 
832040
1346269
2178309
3524578
5702887
9227465
14930352
24157817
39088169
63245986
102334155
165580141
267914296
433494437
701408733
1134903170
1836311903
2971215073
4807526976
7778742049
12586269025
20365011074
32951280099
53316291173
86267571272
139583862445
225851433717
365435296162
591286729879
956722026041
1548008755920
2504730781961
4052739537881
6557470319842
10610209857723
17167680177565
27777890035288
44945570212853
72723460248141
117669030460994
190392490709135
308061521170129
498454011879264
806515533049393
1304969544928657
2111485077978050
3416454622906707
5527939700884757
8944394323791464
14472334024676221
23416728348467685
37889062373143906
61305790721611591
99194853094755497
160500643816367088
259695496911122585
420196140727489673
679891637638612258
1100087778366101931
1779979416004714189
2880067194370816120
4660046610375530309
7540113804746346429
12200160415121876738
19740274219868223167
31940434634990099905
51680708854858323072
83621143489848422977
135301852344706746049
218922995834555169026
354224848179261915075

Freitag, 9. November 2018

Präsident Jackson und das Universum



Nach der Diskussion mit Charlie draussen auf der Bank vor der Anstalt, besuchte ich Armin. Der kaputte Präsident Jackson kam mit. Ich wollte ihn nicht Charlie überlassen, obwohl sie auf ihn scharf war. Ich traute der Reparaturkunst der Ampelfrau nicht. Vielleicht hätte sie den Präsidenten total zerlegt, ohne ihn je wieder zusammensetzen zu können.

Armin hatte schlechte Laune und sie wurde noch schlechter als ich ihm davon berichtete, wie viel Rauch der Präsident verloren hatte, als er falschen Strom bekommen hatte.

"Der Mensch ist doch das dümmste Tier auf dieser Welt", fluchte er vor sich hin, und ich fühlte mich ziemlich betroffen.

"Der Mensch ist doch kein Tier", sagte ich betupft.

"Schlimmer noch", entgegnete er, "er ist das einzige Tier, das sich für einen Menschen hält."

Ich habe noch nie von einem Affen gehört, der einen Nobelpreis bekommen hat, hätte ich ihm am liebsten gesagt. Aber ich wusste, dass diese Diskussion dann zu einer Endlosschleife werden würde. "Aber ich von Affen die Auto fahren", hätte er sicher geantwortet. Also versuchte ich, ihn abzulenken und wechselte das Thema:

"Hast du schon von Oumuamua gehört, diesem länglichen Asteroiden, der von einem fernen Stern in unser Sonnensystem gekommen ist? Es könnte ein Raumschiff oder ein Artefakt einer anderen Zivilisation sein. Als es an der Sonne vorbeiflog, hat es von sich aus beschleunigt und jetzt wird spekuliert, ob es sich bei Oumuamua nicht um ein Sonnensegel handeln könnte. Vielleicht haben die Aliens in einem anderen Sonnensystem so ein Segel verloren oder sie haben es mit einer Sonde extra auf die Reise geschickt um uns auszuspähen."

Armin winkte ab.
"Die Aliens sind doch schon lange hier. Das ist doch die einzig plausible Erklärung für das Fermi-Paradoxon. Wir stehen unter Beobachtung."



"Da hätten wir aber schon längst Funksignale einer anderen Zivilisation aufgefangen. Denk nur an die großen Radioteleskope wie zum Beispiel das in Arecibo. Wenn die bisher nichts gehört haben, sind sie so weit weg, dass ihre Funksignale noch nicht bis zu uns vorgedrungen sind. Sie können daher sicher nicht vor unserer Haustür stehen und uns wie in einem Zoo beobachten. Wir würden sonst ihren Funk hören können."

Armin schaute mich an, als wäre ich ein Alienmonster.
"Glaubst du wirklich, die lungern da draussen irgendwo rum und quatschen mit Handfunken untereinander? Nein, eine andere Zivilisation, die uns beobachtet, dürfte so weit fortgeschritten sein, dass uns ihre Technologie wie Magie vorkommt. Wer die Raumzeit beherrscht, braucht keinen Funk mehr, wie wir ihn haben."

"Das ist schade, dann gibt es auch keinen galaktischen Amateurfunk, nicht einmal ein galaktisches  CB? Und wenn sich unsere Technik weiter entwickelt, wird der Funk bei uns auch verschwinden?"

"Da kannst du darauf wetten. Abgesehen davon, würde ein galaktischer Amateurfunk keinen Sinn ergeben. Bis zum nächsten Stern braucht dein Funksignal bereits viereinhalb Jahre und bis dein Signal das Zentrum der Milchstraße erreicht, dauert es 26'500 Jahre."

"Immerhin. Das bedeutet doch, dass meine Funksignale, die ich aussende, mich bei weitem überleben werden. Andromeda soll ja zweieinhalb Millionen Lichtjahre von uns entfernt sein, und bis zum Rand des Universums ist es noch viel weiter. In meinen Funksignalen werde ich daher praktisch unsterblich sein."

"Du müsstest dich schon ziemlich anstrengen, wenn man deine Signale auf dem Mars empfangen wollte. Denke an die Freiraum-Dämpfung, an die Verdünnung deiner Signale. Wenn es in vierzehn Milliarden Jahren ein einzelnes Photon von deiner Antenne bis an den Rand des sichtbaren Universums schaffen sollte, wird es sehr sehr einsam sein. Da hätte auch eine Antenne von den Ausmaßen einer Galaxy keine Chance."

Ich sah Armin zweifelnd an:
"Ich wusste gar nicht, dass Antennen auch Photonen aussenden. Wir haben bisher immer von Wellen gesprochen. Wenn die Antenne Photonen sendet, wieso spielt dann die Wellenlänge eine Rolle. Bisher dachte ich, dass Photonen Lichtteilchen sind. Ich verstehe die Welt nicht mehr."

"Alle elektromagnetische Strahlung, von den Langwellen bis zu den Röntgenstrahlen, besteht aus Photonen. Um es den Funkern einfacher und den Physikern schwieriger zu machen, haben diese Photonen aber auch Wellencharakter."

"Heisst das, die Photonen schwingen mit einer bestimmten Frequenz?"

"So kann man das sehen. Je höher ihre Frequenz, desto höher ist übrigens  ihre Energie. Darum solltest du dich nicht allzu oft röntgen lassen und dich nie von Gammastrahlen beschiessen lassen. Aber ich bin kein Physiklehrer. Bienchen kann dir da mehr darüber erzählen. Zudem kannst du sicher auch googeln. Das kann ja heute jedes Kind und wird bald die Lehrer ersetzen."

"Gott sei Dank", murmelte ich. Denn ich hatte eine tiefgründige Lehrerallergie. Aber noch waren nicht alle Klarheiten beseitigt:

"Ich habe gelesen, dass sich die am weitesten entfernten Galaxien in 14 Milliarden Lichtjahren Entfernung befinden. Soweit sollte doch mindestens ein Photon aus meiner Antenne kommen."

"Wenn es vorher nicht in ein schwarzes Loch oder in eine Sonne gestürzt ist oder von einer Gaswolke aufgefressen wurde. Aber du erliegst einem gewaltigen Irrtum."

"Das Leben ist eine Aneinanderreihung von Irrtümern."

"Genau. Deshalb sind wir beide auf dieser Welt. Aber deine 14 Milliarden Lichtjahre sind nichts anderes als das Alter des Universums, das man berechnet hat. Das Licht von diesen weit entfernten Galaxien hat nämlich wesentlich länger gebraucht als 14 Millionen Jahre, bis es bei uns ankam. Denn es wurde auf seinem Weg zur Erde ausgebremst. es musste gewissermaßen gegen die Strömung schwimmen."

"Das musste ich auch schon."

"Aber nicht auf diese Art. Das Universum expandiert nämlich immer noch. Das heisst, es wird dauernd grösser. Dummerweise expandiert es umso schneller, je weiter weg es von uns ist. Es ist wie ein gewaltiger Luftballon, der aufgeblasen wird."

"Bis er platzt?"

"Das könnte durchaus passieren. Einige Wissenschaftler meinen, dass es an einem bestimmten Punkt der Expansion die Struktur des Universums zerreißen könnte."

"Gruselig, dieses Universum. Wie lange sind denn die Photonen unterwegs gewesen, die aus diesen Galaxien stammen, die fast das Alter des Universums besitzen?"

"Zirka 40 Milliarden Jahre."

"Dann ist das Universum also 80 Milliarden Lichtjahre gross. Logisch nicht wahr?"

"Nein. Denn jenseits dieses sichtbaren Bereichs dehnt sich das Universum schneller aus, als das Licht. Die Photonen aus noch weiter entfernten Galaxien werden uns deshalb nie erreichen. Man nennt diese Grenze übrigens Hubble-Radius. Er ist noch etwas größer, nämlich etwa 45 Milliarden Lichtjahre. Es dauerte ja nach dem Urknall noch eine Weile, bis die ersten Sterne und Galaxien entstanden. Diese Hubbel-Sphäre ist also eine Kugel von etwa 90 Milliarden Durchmesser. Das ist das was wir beobachten können. Alles was jenseits dieser Grenze ist, entzieht sich unserer Beobachtung. Deshalb kann niemand sagen, wie gross das Universum wirklich ist."

"Aber wie kann sich das Universum schneller ausdehnen als mit Lichtgeschwindigkeit. Was sagt da Einstein dazu?"

"Nichts mehr, der ist schon längst tot. Aber er hat es auch schon gewusst. Denn die Grenze der Lichtgeschwindigkeit gilt nicht für die Ausdehnung der Raumzeit."

Mir wurde schlecht. Das war zuviel für meinen beschränkten Verstand.
"Wir sollten jetzt den Präsidenten öffnen und schauen, ob noch Rauch drin ist und ob wir ihn nicht reparieren können, schlug ich vor."

"Einen habe ich noch für deinen angeschlagenen Verstand", grinste Armin. "Als die Galaxien am Rande des beobachtbaren Universums ihr Licht aussandten, waren sie  viel näher als heute, da die Photonen auf ihrer Reise durch die Ausdehnung des Raums verzögert wurden. Nur etwa 40 Millionen Lichtjahre entfernt. Man kann heute noch Photonen einfangen, die gerade mal einige Hunderttausend Jahre nach dem Urknall ausgesandt wurden."

"Ich wäre dafür, dass das Universum aufhört, sich auszudehnen", sagte ich. "Sonst werden wir eines Tages am Nachthimmel keine anderen Galaxien mehr betrachten können."

"Ja, Astronomen in einer weit entfernten Zukunft werden vielleicht das Universum nicht mehr begreifen, da dann der Himmel dunkel ist. Und die Photonen aus deiner Antenne werden dann schon längst die scheinbare Lichtgeschwindigkeit dank der Raumexpansion überschritten haben."

War das der wirkliche Grund, wieso Armin in der Anstalt wohnte? Hatte ihn das Universum verrückt gemacht?"

Donnerstag, 8. November 2018

Charlie und der Pharaonenkäfig



"Sag mir deinen Namen und ich sage dir wie du heißt." Ihr rot tatöwiertes Auge glühte und das unbeschädigte grüne flackerte wie eine defekte Ampel.
Ich war Charlie geradewegs in die Arme gelaufen, dabei wollte ich eigentlich zu Armin mit meinem kaputten Präsidenten. Er hatte falschen Strom erwischt und machte keinen Mucks mehr. Nun stand ich ihr auf dem Parkplatz gegenüber und ich spürte, dass ich sie nicht so leicht loswerden würde.

"Pass auf, dass es diesem Teil nicht so geht wie dem Tonband!" Ihr Zeigefinger stach in Richtung Präsident Jackson.

Nur ungern erinnerte ich mich an die nächtliche Szene draußen vor der Anstalt, als sich die Eingeweide des Philips RK10 über den halben Parkplatz zerstreuten.
"Es ist schon kaputt", gestand ich zähneknirschend. "Ich bringe es Armin, vielleicht kann er es flicken."

"Kaputt?" Ihre Stimme raspelte wie mein ersatzteilsüchtiger Rasierapparat. "Da hast du Glück im Unglück. Ich bin Spezialistin für kaputte Sachen. Was hat es denn?"

"Es hat falschen Strom gezogen. Anschließend hat es geraucht wie ein Stumpendreher und nun ist es stumm. Ich hätte nie gedacht, dass so viel Rauch in dem Präsidenten steckt."

"Das Teil ist Präsident? Es sieht eher aus wie ein Funkgerät. So eins hatte ich auch im Cockpit."
Charlie war Pilotin, doch seit sie sich ein Auge hatte tätowieren lassen, durfte sie nicht mehr fliegen. Seitdem machte sie die Anstalt unsicher. Das heißt: eigentlich war sie Patientin. Aber sie stromerte den ganzen Tag herum und die Weißkittel waren dauernd auf der Suche nach ihr. Sogar die Polizei hatte sich bei mir nach ihr erkundigt, als ich gerade nach Hause fahren wollte.

"Es ist ein CB-Gerät. Aber es kann nicht nur Elfmeter sondern auch Zehnmeter", sagte ich stolz."

"Mein Funkgerät im Flieger ist auch kaputt, es kann gar nichts mehr. Eine Krähe ist in die Antenne geflogen und hat sie abgerissen. Ohne geht es halt nicht. In die Twin Otter kommt kein Funksignal rein. Sie ist wie ein Pharaonenkäfig. Woher kam eigentlich der falsche Strom in dein Funkgerät?"

"Ich habe Plus und Minus verwechselt."

"Tzz, dabei ist es so einfach: Rot ist blau und Plus ist Minus." Die groß gewachsene Frau kicherte wie ein Teenie.

"Es war ein Unfall. Aber sag mal: was ist ein Pharaonenkäfig?"

"Komm, wir setzen uns dort drüben auf die Bank, dort können wir weiter schwatzen, ohne dass uns Putin oder Miss Moneypenny sehen können."

Für meine Leser: Putin ist der Abwart der Anstalt und immer besoffen auf seinem Rasenmäher unterwegs, Miss Moneypenny ist die Sekretärin der Anstaltsleitung.
Charlie war mir schon etwas unheimlich. Trotzdem setzte ich mich mit ihr auf die Bank hinter dem Lorbeer Hag.

"Ein Pharaonenkäfig ist eine Kiste aus Metall. In ihrem Inneren herrscht Funkstille. Du weisst sicher, dass Strom strahlt. In der Stadt ist es besonders schlimm, da strahlt die Straßenbahn und die ganze Reklame. Sogar das blaue Bähnli strahlt. Aber in der Pharaonenkiste bist du sicher. Nicht einmal ein Blitz kann eindringen."

"Ach so! Du meinst einen Faraday Käfig."

"Sag ich doch. Pharaonenkäfig!" Ihre Ampelaugen flackerten.

"Den hat übrigens Michael Faraday erfunden. Ein genialer englischer Wissenschaftler. Erstaunlicherweise habe ich von ihm noch nie geträumt. Dabei wäre es spannend, ihm bei seinen Experimenten zu assistieren oder seine Weihnachtsvorlesungen zu hören..."

"...Du träumst von alten weißen Männern? Sowas von pervers, tzz..."

Aus welcher Ecke kam die denn? Aber ich liess mich nicht beirren:

"Michael Faraday war ein unglaublicher Mensch. Er hat zum Beispiel entdeckt, dass man Strom erzeugen kann, wenn man einen Leiter durch ein Magnetfeld bewegt. Er hat die Grundlagen für den Elektromotor und den Dynamo geschaffen. Sein ganzes Leben war angefüllt mit Experimenten..."

"...das ganze Leben ist ein Experiment."

"Und dabei kam er ohne eine einzige Formel aus. Er hat auch die Chemie mit der Elektrizität verknüpft und unter anderem die Elektrolyse entdeckt. Maxwell hat über ihn gesagt: "dort wo andere nur Kraftzentren sehen, ist für Faraday der ganze Raum von Kraftlinien durchdrungen." 
Er war ein Genie der viktorianischen Zeit."

Charlies unterschiedliche Augen begannen zu leuchten:
"Viktorianische Zeit! Nun verstehe ich deine Faszination. Faraday war ein echter Steampunk."