Samstag, 3. November 2018

Das Geheimnis der fünf Achtel



Meine Ausbildung zum richtigen Funker schreitet gut voran. Bienchen ist zwar schrullig, aber eine gute Lehrerin.
Was mich bei der ganzen Funkerei am meisten interessiert, sind Antennen. Sie sind das Bindeglied zwischen dem geheimnisvollen Aether und der Funkstation. Bienchen hat mir zwar erklärt, dass der Aether nicht wirklich existiere und eine Idee aus dem Dampfzeitalter sei. Obwohl unzählige Wissenschaftler nach dem Aether gesucht hätten, sei er nie gefunden worden. Daher existiere er nicht. Das sei genau gleich wie mit Gott. Weil die Wissenschaftler ihn nie gefunden hätten, existiere der auch nicht. Irgendwann werde ein Wissenschaftler daherkommen und eine Formel für das ganze Universum finden. Dann sei Gott endgültig obsolet. 
Genauso wie Maxwell mit seinen wunderbaren Gleichungen anstelle des Aethers getreten sei. 
"Die kennst du ja", erklärte sie mir, "obwohl ich bezweifle, dass du sie begriffen hast."

Ich zuckte die Schultern: "Wir kennen allgemein mehr als wir begreifen. Von daher unterscheide ich mich kaum von anderen Menschen, obwohl mir ein paar Schuljahre fehlen."

Das tue nichts zur Sache, meinte sie und nahm gerade Anlauf, mit dem Unterricht fortzufahren, als ich wie früher in der Schule den Zeigefinger hob, um eine Frage zu stellen. Entsetzt starrte sie mich an:
"Was soll das, bist du jetzt unter die Islamisten gegangen?"

Ich schaute verständnislos meinen erhobenen Zeigefinger an. 
"Nein, ich wollte eigentlich nur eine Frage stellen."

"...Mhm...und da habt ihr in der Schule jeweils den Zeigefinger erhoben?"

"Ich eigentlich nie. Wieso sollte ich denn eine Antwort auf Dinge geben, die der Lehrer bereits wusste. Aber die anderen haben das gemacht. Die Streber haben sogar mit den Fingern geschnippt. Offenbar bin ich trotz der kurzen Schulzeit mitkonditioniert worden."

"Handzeichen waren schon immer ein vortreffliches Mittel, Menschen zu dressieren", meinte sie.

"Ich werde es mir abgewöhnen. Aber eigentlich wollte ich nur eine Frage stellen, die mich seit einiger Zeit beschäftigt. Armin hat mir zwar viel über Antennen erzählt, aber noch nichts über die "Fünf Achtel", von der ich die Funker immer schwärmen höre, wenn ich mit meinem Präsident Jackson in den Aether...äh...ich meine in den Maxwell-Raum höre."

"Das ist eine uralte Geschichte. Die ist sogar älter als ich. Genau genommen stammt sie aus dem Jahre 1934. Das war eine Zeit, in der die Radioprogramme noch auf Mittelwelle verbreitet wurden. Dazu brauchte man starke Sender und hohe Antennen um über die Bodenwelle die Hörer zu erreichen."

"Bodenwelle? Ist das so etwas wie die Schwellen, bei uns in der Straße, die die Stoßdämpfer meines Opel Rekord kaputt machen?"

"Nein, das sind Funkwellen, die sich entlang dem Erdboden ausbreiten. Sie schleichen quasi dem Boden entlang, im Gegensatz zu den Wellen, die sich frei durch den Raum, also die Luft oder das Vakuum bewegen. Je nach Terrain werden sie mehr oder weniger abgeschwächt. Meerwasser schwächt sie am wenigsten, Gebirge am meisten."

"Wieso schleichen sie denn dem Boden entlang. Sie könnten sich doch von ihm lösen!"

"So sind sie unabhängig von der Ionosphäre, die sie wieder zurück zur Erde reflektieren müsste, was nicht in jedem Fall möglich ist. Bodenwellen sind ausbreitungsmäßig daher sehr stabil."

"Wir funken im Elfmeterband mit Bodenwellen?"

"Nur teilweise. Bodenwellen werden vor allem bei längeren Wellen wichtig, wie den Lang- und Mittelwellen. Denn je grösser die Wellenlänge ist, desto weiter reichen sie. Sie passen sich dabei der Erdkrümmung an und sehr lange Wellen können so um die halbe Erd reisen."

"Sie brauchen also die Erde teilweise als Medium. Das erklärt, wieso sie über Meerwasser weiter reichen als über die Berge. Meerwasser leitet den Strom besser. Aber was hat das mit den "Fünf-Achtel-Antennen" zu tun?"

"Ich sehe, du bist ein richtiger Klugscheisser", bemerkte Bienchen. "Das prädestiniert dich zum Funkamateur."
Sie seufzte und fuhr dann weiter:
"Die ersten Mittelwellensender hatten hohe Gittermasten als Sendeantennen. Ganz klassisch, unten dick oben dünn und standen mit allen vier Beinen stabil aber auf Isolatoren auf dem Boden. Als Gegengewicht waren kilometerweise Drähte im Boden vergraben.
Diese Sendetürme waren in der Regel eine Viertelwelle hoch..."

"...Ganz schön hoch. Bei 600m Wellenlänge macht das ja sagenhafte 150m. Dann dürften die kürzeren Wellen wohl beliebter gewesen sein. Logisch."

"Du hast nicht aufgepasst, Klugscheisser. Ich sagte, die längeren Bodenwellen reichen weiter. Logisch."

"Aber ein Viertel Wellenlänge sind keine fünf Achtel!"

"Genau. Da kommen jetzt clevere Ingenieure ins Spiel: Die fanden nämlich heraus, dass die Abstrahlung der Türme am besten ist und die Bodenwelle am weitesten reicht, wenn man die Türme fünf Achtel Wellenlänge hoch baut - nicht kleiner und nicht größer."

"Das macht aber einen Riesenturm", sagte ich und versuchte krampfhaft fünf Achtel von 600m im Kopf zu rechnen, was mir leider nicht gelang. Ihr wisst schon: fehlende Schuljahre und so.

"375m bei 600m Wellenlänge", grinste Bienchen. "Deshalb haben sie einfach zwei normale Türme mit den Beinen zusammengeschweisst und den unteren mit der Spitze auf einen Isolator gestellt. Das ging natürlich nicht mehr ohne Abspannung."

"Unten und oben spitz und in der Mitte dick. So einen komischen Sendeturm habe ich noch nie gesehen."

"Kein Wunder. Denn bald fanden die Ingenieure heraus, dass das gar nicht so gut funktioniert, wie sie gerechnet hatten. Und das ist etwas, was diese Typen gar nicht mögen: wenn die Praxis nicht mit der Theorie übereinstimmt."

"Ach so. Wissen die denn nicht, dass das der Normalfall ist?"

"Ich sehe, du wirst ein guter Funkamateur. Aber Ingenieure glauben nicht an Wunderantennen. Sie fanden bald einmal heraus, woran das lag. Was denkst du, wieso die Dickmänner keine starken Bodenwellen hatten?"

"Mhm...Armin hat mir gesagt: es ist der Strom der strahlt. War etwas mit dem Strom nicht in Ordnung?"

Bienchen guckte mich verblüfft an.

"Bingo. Es war die Stromverteilung. Die war in den Dickmännern nicht so, wie in einem bisherigen Mast. Sie war nicht sinusförmig und wirkte sich negativ auf die Abstrahlung aus. Als das bekannt wurde, konstruierte man Masten mit einem gleichförmigen Querschnitt. Natürlich musste man die ebenfalls abspannen."

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